Sprachlos

Ich habe zum Überwachungsskandal bislang nichts geschrieben. Bis auf einzelne Retweets zum Thema, dieses gefundene Video oder bestenfalls einen Halbsatz in Kommentaren irgendwo. Kleinkram, der kein großes Nachdenken erfordert. Denn das Ausmaß der Überwachung macht mir Angst. Ich bin sprachlos angesichts dessen, was ich da alles lesen und hören muss und ich weiß nicht, wie ich darauf reagieren soll. Alles abschalten, auf einen Resthof in der Pampa ziehen und nur noch per Brieftaube und Dosentelefon kommunizieren? Das erscheint gleichzeitig konsequent und übertrieben. Trotzdem: Offenbar macht sich der Mensch ja schon dadurch verdächtig, dass er ein Telefon benutzt. Sei es für Gespräche, für SMS oder eben für Internetanwendungen egal welcher Art. Die Geheimdienste (vermutlich nicht nur) der westlichen Welt interessiert es brennend, ob mir mein Vater ein Foto von dem Feuersalamander in seinem Garten schickt oder ob ich gerade in Westerbüdelstedt auf dem Deich stehe, während ich darauf antworte.

Das macht mir Angst.

Und es macht mich sprachlos. Diese Ungeheuerlichkeit, dass die Dienste mal eben so im Vorbeigehen das gesamte Internet in Echtzeit abschnorcheln und für sich auswerten. Eigentlich sollte mich das doch nicht stören, denn erstens bin ich das Musterbeispiel eines unbescholtenen Bürgers und zweitens gebe ich ja freiwillig genug von mir und meinem Leben preis.

Nein, tue ich nicht.

Natürlich teile ich viele Aspekte meines Lebens mit dem kleinen Teil der ganzen Welt, der meinen Social Media-Spielereien folgt. Alles zusammen dürften das so ungefähr 700 bis 1.000 Menschen sein. (Brutto wohlgemerkt, denn das ist die Summe meiner Freunde und Follower in den sozialen Netzwerken und meiner durchschnittlichen Blogleser. Nicht mit einbezogen ist die Zahl derer, mit denen ich doppelt verlinkt bin oder die mir auf Twitter folgen und gleichzeitig mein Blog lesen. Rechnen wir also mal mit netto ca. 400 Menschen. Das dürfte ungefähr die Zahl der Analysten sein, die in den Geheimdiensten in aller Welt hinter meinen sämtlichen Postings ein Häkchen bei „uninteressant“ machen. Hoffentlich verklickt sich da nicht mal irgendwann einer.) Aber ich teile das alles freiwillig, bewusst und nur in wohldosierten, genau überlegten Portiönchen. Bevor ich bei Facebook ein Posting als „öffentlich“ lesbar markiere, überlege ich sehr genau, ob es nicht eine angemessenere Zielgruppe geben könnte. 

Und während ich mir das vergegenwärtige, während ich über die Ungeheuerlichkeit und über das Ausmaß dieser monströsen Überwachung nachdenke stellt sich diese Flitzpiepe Pofalla vor die Kameras der Nation und behauptet allen Ernstes, das wir keine Angst vor Überwachung haben müssten, weil weder NSA noch GCHQ in Deutschland geschnüffelt haben. Hat er von denen sogar schriftlich, der Pofalla.

Teil 2:

Was bitte muss unsere Regierung von uns denken? Für wie dämlich halten uns diese Menschen denn bitte? Alles was wir im Internet tun wird gespeichert, nach terrorverdächtigen Stichworten durchgeflöht, in Datenbanken abgelegt und Kanzleramtsminister Ronald Pofalla steht da und schämt sich nicht zu behaupten, dass sowas in Deutschland nicht passiert ist? Ich kann damit nicht umgehen. Ich ertrage das nicht und ich kann mir einfach nicht vorstellen, was in den Köpfen dieser Menschen vor sich gehen muss.

Ich bin einfach sprachlos.

Vor allem vielleicht auch, weil ich keine Alternative erkenne. Digitale Kommunikation komplett einzustellen scheidet aus, das ist unrealistisch. Politisch etwas zu verändern, wird auch nicht funktionieren, denn die etablierten Parteien haben in der Sache alle Dreck am Stecken. Nazis und Kommunisten brauchen wir nicht zu erwähnen und die Piraten müssen sich erstmal innerparteilich auf irgendwas einigen, bevor die meine Stimme bekommen.

Ich bin einfach ratlos.

Ich stehe vor diesem Monstrum von Überwachung, vor diesem wahnwitzigen Lügengebilde und weiß nicht mehr weiter. Mich wundert es kein bisschen, warum sich „die Öffentlichkeit“ nicht für den Überwachungsskandal interessiert, wenn ich mir meine eigene Reaktion darauf ansehe: Ich kann den Kopf gar nicht so weit in den Nacken legen, wie sich der Bullshit aus Politikermündern vor mir auftürmt, also stecke ich ihn in den Sand. Ich will nichts mehr zur Späh-Affäre lesen, ich will mir keine Gedanken mehr darüber machen, wie mich das persönlich betrifft. Weil mir das Angst macht und weil es mir den Schlaf raubt.

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